Wo ist der Spass im Design geblieben?

Deep Dive

09.12.2025 – von ALEXANDER KRANZ-MARS

Ich habe schon lange nicht mehr darüber nachgedacht, ob Design mir Spass macht. Hat es mir jemals Spass gemacht? Ja, aber es ist eigentlich selbstverständlich geworden. Warum denke ich jetzt darüber nach?

Als Lehrperson an der Schule für Gestaltung am GBS St.Gallen habe ich das 2.+3. Jahr der Fachklasse Grafik auf ihrer Kulturreise begleitet. Ich war für eine Woche in einem Land, das den Spass am Design nicht nur erfunden hat, sondern auch bis heute sichtbar macht. In einer Stadt, in der Kreativität und Experimentierfreudigkeit sich in alle Bereiche erstreckt. Unübersehbar vor allem in der Architektur. Nicht nur überraschend und provozierend, sondern auch verspielt und experimentell. 

Eine Woche in Rotterdam, der Stadt in den Niederlanden mit dem grössten Hafen Europas, hat mir die Lust am Gestalten wieder vor Augen geführt und mich daran erinnert, dass Design und Spass zusammengehören dürfen und Design darüber hinaus auch provozieren soll. Das Erwartbare ist langweiliger Durchschnitt. Vorhersehbarkeit ist kein Alleinstellungsmerkmal.

Unübersehbar zeigt sich die Freude am Gestalten in den verrückten Formen der Gebäude, den ungewöhnlichen Fassaden und den verspielten Lichtkonzepten. Von aussen nach innen wird die lebendige Vielfalt durch Leitsysteme, Beschriftungen und Markenelemente übertragen. Vor allem Museen und Kulturtempel fallen nicht nur durch gewagte Arrangements auf, sondern auch durch modernes und einzigartiges Branding. Design macht hier nicht nur den Designern Spass, sondern auch denen, die es in Auftrag geben.

Angefangen beim Museum Boijmans Van Beuningen, das in Verbindung mit dem Depot ein zusätzliches ungewöhnliches Museumserlebnis bietet, über das neu eröffnete Fenix mit seiner eindrucksvollen Tornado-Treppe bis hin zum Huis Sonneveld, das mich als modernes Gesamtkunstwerk, 1933 erbaut, begeistert hat. Baustil, Interieur und Einrichtung bilden ein stimmiges, bis ins kleinste Detail aufeinander abgestimmtes Konzept, das mit raffinierten technischen Besonderheiten auf das Leben der Industriellen-Familie Sonneveld abgestimmt war.

Bereits im Design-Studium in Deutschland in den neunziger Jahren wurde mir klar: Es gibt zwei Länder, die sich in Sachen Grafik-Design von Deutschland sichtbar unterscheiden. Die Schweiz und die Niederlande. In beiden Ländern findet man Gestaltung und Design mit einem erkennbaren Stellenwert im Stadtbild. Gert Dumbars Design für die niederländische Polizei: in Deutschland unvorstellbar. In den Niederlanden bis heute fast unverändert seit 1993 im Einsatz und dazu auch populär. Und der Schweizer Exportschlager in Sachen Design: die Schriftart Helvetica. Seit 1957 weltweit im Einsatz. Dennoch liegen in Sachen Grafik-Design Welten zwischen den beiden Ländern.

Der Schweizer Wolfgang Weingart beeinflusste Anfang der Achtziger mit seiner neuen Gestaltung Designer weltweit und inspirierte zum Experimentieren und freieren, spielerischem Umgang mit Typografie. Weingart war Schüler der Zürcher Schule, die für ihre strenge, klare und rationale Typografie bekannt war. Raster, Ordnung, Helvetica. Doch Weingart stellte dieses System auf den Kopf. Er begann, Buchstaben zu dekonstruieren, Schriften zu überlagern, das Raster zu sprengen. Seine Arbeit war ein Aufbegehren gegen die sterile Perfektion des Schweizer Stils unter Emil Ruder.

Während Wolfgang Weingarts Gestaltung mehr wie ein Befreiungsschlag als aus guter Laune heraus wirkte, haben Spass und die Freude am gestalterischen Experimentieren und Provozieren in den Niederlanden ausgehend u.a. von Gert Dumbar, sich wie ein Flächenbrand in alle Bereiche des Designs ausgebreitet.

Weingart und Dumbar hätten gestalterisch nicht weiter voneinander entfernt sein können. Dumbar verband Humor, Theatralik und visuelle Überraschung mit klarer Kommunikationsabsicht. Während Weingart das Raster zerstörte, baute Dumbar daraus ein buntes Bühnenbild. Sein Stil war verspielt, erzählerisch, emotional. Also typisch niederländisch in seiner Offenheit und Ironie. Wo Weingart typografische Systeme infrage stellte, stellte Dumbar gesellschaftliche Konventionen infrage.

Während unserem Aufenthalt in Rotterdam hatten wir auch Gelegenheit Studio Dumbar unter der Leitung von Liza Enebeis zu besuchen. Und da war sie wieder: die Freude am Gestalten. Spass, Farbe, Humor und Motion.

Obwohl ich nicht das Gefühl hatte, den Spass am Design neu suchen zu müssen, war ich überrascht ihn plötzlich so geballt vor Augen geführt zu bekommen. Hatte ich ihn in letzter Zeit aus den Augen verloren? Dabei ist der Spass der Motor, der Ideen hervorbringt und Gestaltung die notwendige Lebendigkeit gibt.

Rotterdam hat mich daran erinnert, dass Gestaltung Haltung bedarf. Mut, Neugier und der Willen, die Welt mit Gestaltung zu füllen, die Freude macht, humorvoll und sinnvoll ist. Grafik-Design, das auffällt, im Zentrum steht und zu reden gibt. 

Genau dort beginnt der Spass. Und genau dorthin möchte ich wieder zurück.