Wo ist der Spass im Design geblieben?

Deep Dive

15.01.2026 – von ALEXANDER KRANZ-MARS

Lange habe ich mir nicht mehr die Frage gestellt, ob Design mir eigentlich Spass macht. Es ist eine Frage, die man sich im Alltag selten stellt. Und doch sind positive Emotionen und die Lust am Gestalten wichtig, um mit Design eine Wirkung erzielen zu können.

Als Lehrperson an der Schule für Gestaltung am GBS St. Gallen habe ich das zweite und dritte Jahr der Fachklasse Grafik auf ihrer Kulturreise begleitet. Ich war für eine Woche in einem Land, das den Spass am Design nicht nur erfunden hat, sondern auch bis heute sichtbar macht. In einer Stadt, in der Kreativität und Experimentierfreudigkeit sich in alle Bereiche erstreckt. Unübersehbar vor allem in der Architektur. Nicht nur überraschend und provozierend, sondern auch verspielt und experimentell.

Eine Woche in Rotterdam hat mir die Lust am Gestalten wieder vor Augen geführt und mich daran erinnert, dass Design und Spass zusammengehören dürfen und Design darüber hinaus auch provozieren soll. Das Erwartbare ist langweiliger Durchschnitt. Vorhersehbarkeit ist kein Alleinstellungsmerkmal.

Unübersehbar zeigt sich die Freude am Gestalten in den verrückten Formen der Gebäude, den ungewöhnlichen Fassaden und den verspielten Lichtkonzepten. Von aussen nach innen wird die lebendige Vielfalt durch Leitsysteme, Beschriftungen und Markenelemente übertragen. Vor allem Museen und Kulturtempel fallen nicht nur durch gewagte Arrangements auf, sondern auch durch modernes und einzigartiges Branding. Design macht hier nicht nur den Designern Spass, sondern auch denen, die es in Auftrag geben.

Angefangen beim Museum Boijmans Van Beuningen, das in Verbindung mit dem Depot ein zusätzliches ungewöhnliches Museumserlebnis bietet, über das neu eröffnete Fenix mit seiner eindrucksvollen Tornado-Treppe bis hin zum Huis Sonneveld, das mich als modernes Gesamtkunstwerk, 1933 erbaut, begeistert hat. Baustil, Interieur und Einrichtung bilden ein stimmiges, bis ins kleinste Detail aufeinander abgestimmtes Konzept, das mit raffinierten technischen Besonderheiten auf das Leben der Industriellen-Familie Sonneveld abgestimmt war.     

Meine letzte Kulturreise mit einer «Klasse» liegt schon etwas weiter zurück. Im Design-Studium in Deutschland in den neunziger Jahren sind wir zu Wolfgang Weingart nach Basel gefahren. Mir fiel sofort auf, dass sich die Schweiz in Sachen Design von Deutschland sichtbar unterschied. Überall in der Stadt sah man gut gestaltete Werbung und Plakate. In Weingarts Klassenzimmer dagegen wirkten seine schwarz-weissen systemischen flächigen Buchstaben-, Satz-, und Absatzexperimente auf mich ähnlich repetetiv anstrengend wie die Entwürfe, die an meiner Designhochschule in Schwäbisch Gmünd das Mass der Dinge waren. Beide sollten vermitteln: Design ist richtig harte Arbeit.

Obwohl Deutschlands Design-Geschichte auch weltweit bekannte Designer vorzuweisen hat, hatte ich ausserhalb meiner Designer-Blase in den neunziger Jahren das Gefühl allen Nicht-Designern erklären zu müssen, dass Grafik-Designer ein Beruf ist, und (hätte es das Wort damals schon gegeben) in bestimmten Kreisen als durchaus systemrelevant angesehen wird.  

Die Gewerbeschulen in Basel und Zürich dagegen hatten den Bedarf an professioneller Gestaltung bereits früh erkannt, und führten den Beruf des Grafik-Designers in der Schweiz 1915 (!) offiziell ein. Der Unterschied in der Wahrnehmung und Wertschätzung in der Gesellschaft Design und Designern gegenüber, war für mich, als ich in die Schweiz zog, deutlich spürbar.

Aufgefallen ist mir im Studium noch ein anderes Land, das sich in Sachen Design von Deutschland unterschied: die Niederlande. Wie in der Schweiz haben Gestaltung und Design einen erkennbaren Stellenwert im Stadtbild. Gert Dumbars Design für die niederländische Polizei: in Deutschland unvorstellbar. In den Niederlanden bis heute fast unverändert seit 1993 im Einsatz und dazu auch populär. Und der Schweizer Exportschlager in Sachen Design: die Schriftart Helvetica. Seit 1957 weltweit in Verwendung, kühl aber modern und zeitlos. Dennoch liegen in Sachen Grafik-Design Welten zwischen der Schweiz und den Niederlanden.

Bewusst wurde mir dies, als ich begann beide Kulturreisen miteinander zu vergleichen. Weingart beeinflusste Anfang der Achtziger mit seiner neuen Gestaltung Designer weltweit und inspirierte zum Experimentieren und freieren, spielerischem Umgang mit Typografie. Weingart war Schüler der Zürcher Schule, die für ihre strenge, klare und rationale Typografie bekannt war. Raster, Ordnung, Helvetica. Doch Weingart stellte dieses System auf den Kopf. Er begann, Buchstaben zu dekonstruieren, Schriften zu überlagern, das Raster zu sprengen. Seine Arbeit war ein Aufbegehren gegen die sterile Perfektion des Schweizer Stils unter Emil Ruder.

Während Weingarts Gestaltung mehr wie ein Befreiungsschlag als aus guter Laune heraus wirkte, haben Spass und die Freude am gestalterischen Experimentieren und Provozieren in den Niederlanden ausgehend u.a. von Gert Dumbar, sich wie ein Flächenbrand in alle Bereiche des Designs ausgebreitet. 

Weingart und Dumbar hätten gestalterisch nicht weiter voneinander entfernt sein können. Dumbar verband Humor, Theatralik und visuelle Überraschung mit klarer Kommunikationsabsicht. Während Weingart das Raster zerstörte, baute Dumbar daraus ein buntes Bühnenbild. Sein Stil war verspielt, erzählerisch, emotional. Also typisch niederländisch in seiner Offenheit und Ironie. Wo Weingart typografische Systeme infrage stellte, stellte Dumbar gesellschaftliche Konventionen infrage.

Während unseres Aufenthals in Rotterdam hatten wir auch Gelegenheit, Studio Dumbar/DEPT unter der Leitung von Liza Enebeis zu besuchen. Und da war sie wieder: die Freude am Gestalten. Humor, Farbe, Typografie, Emotionen: alles in Bewegung.
 

Obwohl ich nicht das Gefühl hatte, den Spass am Design neu suchen zu müssen, war ich überrascht ihn plötzlich so geballt vor Augen geführt zu bekommen. Hatte ich ihn in letzter Zeit aus den Augen verloren? Dabei ist der Spass der Motor, der Ideen hervorbringt und Gestaltung die notwendige Lebendigkeit gibt.  

Rotterdam hat mich daran erinnert, dass Gestaltung Haltung bedarf. Mut, Neugier und der Willen, die Welt mit Gestaltung zu füllen, die Freude macht, humorvoll und sinnvoll ist. Design, das auffällt, im Zentrum steht und zu reden gibt.

Genau dort beginnt der Spass. Und genau dorthin möchte ich wieder zurück.