KI-Bilder: neue Welten aus Daten oder altes Denken auf Speed?

Deep Dive

Die Ikonografie von GenAI und die Gegenwart der Vergangenheit

07.05.2026 – von AXEL ECKSTEIN

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Es gibt aber auch Bilder, die nur ein einziges Wort sagen: «Ich».

Diese Art von Bildern ist überall um uns herum und sie ist es schon länger als es auf den ersten Blick erscheint.

Die Bilder, die heute von Menschen mithilfe künstlicher Intelligenz, also durch generative Rechenmodelle (GenAI), erzeugt werden, sind in ihrer grossen Mehrheit nichts anderes als ein soziales Signal.

Statuserhalt

KI-Bilder sind performative Bilder, keine semantischen. Soll heissen: Die allermeisten von ihnen transportieren keine spezifische Bedeutung, die im dargestellten Motiv liegt, sondern dokumentieren allein den Akt der Teilnahme am technologisch-ästhetischen Jetzt. Performative Bilder kodieren sozialen Status. Ihre Motive sind austauschbare Träger dieses Status.

Diese Bilder sagen: «Ich nutze die neue Technik». Sie sagen: «Ich kann schöne Sachen machen» (Instagram); «Ich bin Teil des Fortschritts» (LinkedIn); «Ich verstehe das System» (X); «Ich beherrsche das Tool» (Discord); «Ich beherrsche Ironie» (Reddit).

KI-Bilder zu posten dient als Mittel, drohenden Bedeutungsverlust abzuwehren, und als Anker für Zugehörigkeit in einer beschleunigten, statusfragilen Welt.

So wird Innovation zum sozialen Marker, an dem sich kollektive Affekte ablesen lassen. Im Kern geht es um den Erhalt von kulturellem und damit immer auch ökonomischem Kapital.

Das Posten von KI-Bildern ist keine Eitelkeit. Es ist eine Bewältigungsstrategie. Und deren Ergebnisse sind deshalb so verbreitet, weil die dazu erforderlichen Handlungen sehr niederschwellig sind.

Motivrepertoire

Dass die Motive performativer Bilder austauschbar sind, heisst keineswegs, dass sie beliebig wären.

Über Plattformen hinweg entfallen geschätzte 80 % auf Tiere, Menschen und Fantasiewesen. Tiere sind die häufigste Kategorie überhaupt, klar dominiert von Haus- oder Raubkatzen wie Löwen und Tigern.

Frauen sind mehr als doppelt so oft zu sehen wie Männer oder Kinder. Auch nicht selten ist die Kombination Frau plus Tier oder andere Kreatur.

Die restlichen 20 % aller Motive verteilen sich ungefähr je zur Hälfte auf Objekte unserer Konsumwelt (Hamburger, Softdrinks, Parfumflakons, Sofas oder Autos) und Stadtansichten oder Landschaften (realistisch oder fantastisch).

Warum dieses Muster? Katzen sind deshalb auf Platz eins, weil sie maximale Resonanz bei minimalem sozialen Risiko versprechen. Katzen sind moralisch neutral und projektionsoffen. Sie vollbringen das Kunststück, ebenso für Nähe zu stehen wie für Unabhängigkeit, was sie zum idealen Sinnbild moderner Rollenvorstellungen macht.

Frauen werden seit jeher stärker ästhetisiert als Männer. Unsere heutigen visuell geprägten Medien- und Konsumgesellschaften verstärken diese Tendenz weiter. Eine Frau mit einem Tier vervielfacht das Affektpotenzial: blindes Vertrauen, perfekte Harmonie, ungezähmte Wildheit.

Und reine Fantasiewesen – Monster, Trolle, Superhelden – erlauben Staunen ohne Stellungnahme. Es gibt sie nicht, also müssen wir auch nicht über sie diskutieren.

Was für die Figuren gilt, gilt auch für die einschlägigen Objekte und Szenen: Das Publikum wird stimuliert, Bedeutung aber nur simuliert. Emotion ohne Position.

Technofantastik

Diese Ikonografie ist nicht neu. GenAI hat einen Vorläufer, einen historischen Zwilling: Airbrush. Die Spritztechnik teilt mit GenAI nicht nur einen ähnlichen Motivkanon, sondern auch einige weitere Aspekte – technisch, ästhetisch, psychologisch.

Distanz: Mit der Airbrush berührt der Künstler das Papier nicht. Die perfekten Oberflächen zeigen kaum Spuren von Arbeit. Auch KI-Bilder entstehen indirekt und verschleiern ihren komplexen Entstehungsprozess.

Illusion: Airbrush erlaubt die totale Kontrolle von Licht und Schärfe über den fein abgestimmten Auftrag von Pigmentstaub, GenAI durch präzises Prompting. Beide Techniken sind malerisch und folgen keinem physikalischen Weltmodell wie klassische CGI.

Fantastik: Jede künstlerische Technik und ihr Medium triggert Formentscheidungen. Airbrush und GenAI vereinfachen genau die Operationen, die fiktionale Welten verlangen: technoide Materialität, kosmische Nebel, unwirkliches Leuchten.

Ob am Sprühpinsel oder am Keyboard – der Mensch fühlt sich genötigt, «kreativ» zu sein, auch ohne überhaupt etwas zu sagen zu haben. Zu viel Freiheit bei zu wenig Notwendigkeit: der kürzeste Weg zum Klischee.

Kindchenschema

So sehr sich die Parallelen aufdrängen, bleibt eine für GenAI wichtige Motivkategorie in der Airbrush-Kunst unterrepräsentiert: Niedlichkeit. Denn heute noch wie in den 70er- und 80er-Jahren findet Airbrush bevorzugt Anklang in Milieus, die Eskapismus mit Stärke und Freiheit verbinden. Der Tank einer Harley ist eben kein Ort für Kulleraugen.

Aber auch Niedlichkeit hat einen Vorläufer: die Big-Eyes-Welle der 60er- und 70er-Jahre. Damals wurde der Markt überschwemmt mit Illustrationen von Jungen und Mädchen, bei denen das Kindchenschema ins groteske Extrem getrieben wurde.

Mit KI-Bildern teilen derartige Kitschillustrationen weniger Merkmale als Airbrush-Werke. Eine Ähnlichkeit gibt es primär auf der Affektebene.

Es geht um die sofortige Aktivierung von beruhigenden Gefühlen und das ohne jeden Konflikt: keine Politik, keine Sexualität. Niedliche Bilder bieten regressive Geborgenheit in einer verunsicherten Wohlstandsgesellschaft. Der Fortschritt ist unaufhaltsam, aber irgendetwas scheint er uns wegzunehmen. Niedliche Bilder sind Trost ohne Erkenntnis.

GenAI reproduziert solche Bilder noch massenhafter als es spanische Kitschpostkartenverlage je taten und verschiebt die europäische Perspektive zu einer asiatischen. Gespeist durch Trainingsdaten aus Anime- und Game-Ökosystemen und gepusht von Plattformen, die Niedlichkeit algorithmisch belohnen.

GenAI bringt alles zusammen. Es verschlingt alle Bilder der Vergangenheit, vereint die technische Glätte von Airbrush mit einer globalen Cute-Ästhetik und beschleunigt Momente der Rührung auf das Tempo von Likes.

Maschinenlogik

Jeder Zeitgeist drückt Bildern seinen Stempel auf, aber auch unabhängig davon ist ein auf charakteristische Art begrenztes Motivrepertoire bei jeder neuen Bildtechnik Prinzip. Schon allein wegen der Logik der Maschine.

Als der Farbfilm aufkam, stürzten sich die Fotografen auf Blumensträusse, Obstschalen und gemusterte Stoffe.

Als zuvor die Fotografie als solche erfunden wurde, richteten die Pioniere ihre lichtschwachen Plattenkameras auf den bewegungslosen Teil der Welt: ernste Bürger, getrocknete Insekten und verlassene Plätze.

Anwender konzentrieren sich zuerst darauf, mit der neuen Technik vertraut zu werden. Die bewusste Motivwahl ist lästig, weil man viel lieber der Wundermaschine einfach bei der Arbeit zusehen möchte. Um danach mit allen anderen darüber zu sprechen.

Bildkontrolle

Historische Parallelen finden sich selbstredend auch in den kritischen Reaktionen auf neue Technologien.

Fotografie galt anfangs als faule, fantasielose Verderberin der Kunst und als Instrument der Macht über die Wirklichkeit, das auch Betrüger anlockte.

1862 liess William H. Mumler durch heimliche Doppelbelichtungen «Geister» auf Porträtfotos erscheinen. Man verhaftete ihn wegen Täuschung gutgläubiger Personen.

Gerichte, Akademien, Verlage unterstützen Massnahmen zur Sicherung des Vertrauens in die Fotografie und seriöse Ateliers autorisierten ihre Werke zunehmend mit einem Siegel.

2025 liess das amerikanische Modeunternehmen Guess eine Werbestrecke mit KI-generierten Models in der Zeitschrift Vogue abdrucken. Die Folge war Empörung in den sozialen Medien über die Verbreitung von Schönheitsstandards, die als unrealistisch und mit negativem Effekt auf Mädchen und Frauen wahrgenommen wurden.

Im gleichen Jahr erliess Kathy Hochul, Gouverneurin des Staates New York, ein Gesetz, das Werbetreibende verpflichtet, den Einsatz von KI («AI-generated images and synthetic performers») in Bildern offenzulegen.

Die Geschichte wiederholt sich nicht exakt, aber sie reimt sich und sie zeigt, dass die Erzeugung und Wahrnehmung von Bildern schon immer bestimmten Formeln unterworfen waren.

Seelenspiegel

Vor KI taten selbst Kitschmaler so, als seien ihre Bilder Ausdruck eines individuellen Talents.

KI durchtrennt die Verbindung zwischen Können und Bildwirkung endgültig, um uns nur wieder genau dort landen zu lassen, wo wir schon immer standen. Was übrig bleibt, ist unser Wollen: universelle Emotionalität ohne individuelle Verantwortung. Das «Echte» ist dazu weder nötig noch wird es vermisst, denn es war auch belastend.

Die Maschine will nichts und sie schreibt uns weniger vor als wir meinen. Sicher, es gibt eine Tendenz zu stereotypen Bildern: Darauf sind Basketballer meist schwarz, Golfer weiss. Aber: Den gigantischen Bilderpool, mit dem KI trainiert wird, hatten wir Menschen während der Zeit vor ihrer Erfindung selbst so angelegt.

Nicht GenAI produziert Stereotype – wir tun es. Während wir darauf achten, die Kontrolle zu behalten und Liebe zu bekommen. Gestern, heute und morgen.

GenAI entfernt jetzt die Reste dessen, was das verdeckt hatte. Jetzt machen alle mit.

Ohne Weiteres könnten wir technisch gesehen um die Konvergenz von KI-Bildern herum prompten für gezieltere, spezifischere Ergebnisse. Aber wir tun es viel weniger als dass wir es lassen.

Was GenAI produziert, sind keine Bilder, sondern Spiegel. Solche, in denen sich kaum noch das Individuum spiegelt, sondern die gesamte Menschheit. Etwas von dem, was uns psychologisch verbindet. 

So betrachtet sind KI-Bilder möglicherweise sehr ehrliche Bilder.